Meine Erfahrungen aus Geoff Lawtons PDC 2.0 (Artikelserie): Gestaltungsprinzipien und Grundsätze

Im letzten Artikel ging es um die ethischen und philosophischen Grundlagen von Permakultur-Gestaltung. In diesem Artikel erfährst Du, welche (Design-)Prinzipien und Grundsätze Du nutzen kannst, um geeignete Methoden und Strategien auszuwählen. Los geht’s.

Worum geht's hier?

Ich mache gerade einen online Permakultur Design Zertifikatskurs bei dem australischen Permakultur Pionier Geoff Lawton.

In dieser Serie möchte ich das, was ich gelernt habe, mit Dir teilen. Hier lade ich regelmäßig Artikel zu ausgewählten Kursinhalten hoch, in denen ich für Dich das zusammenfasse, was ich von dem Kursinhalt für wichtig halte. Damit der praktische Teil nicht zu kurz kommt, werde ich versuchen, so viel Inhalt wie möglich mit meinen eigenen Projekten zu verknüpfen.

 

Vor dem eigentlichen Tun braucht es in der Permakultur-Gestaltung nach Lehrbuch einen langen Atem.

Der Anfang des PDC 2.0 ist stark theoretisch. In den ersten drei Kursmodulen ging es ausschließlich um Grundsätzliches: Ethik, philosophische Aspekte, Gestaltungsprinzipien und generelle Herangehensweisen.

Deshalb habe ich mich wohl auch so lange davor gedrückt, diesen Artikel fertig zu schreiben. Stattdessen war ich viel im Garten. Dort haben wir viel umgestaltet, gesät und gepflanzt.

Die Herangehensweise ist dennoch Ultra wichtig, weil sie das ist, was Permakultur im Kern ausmacht. Es sind nicht die Techniken und Lösungen wie Schlüssellochbeete, Waldgärten, Hühnertraktoren und Swales. Diese Techniken und Lösungen, die Leute so oft mit Permakultur verbinden, sind nicht Permakultur. Permakultur ist die Methode mit der sie ausgewählt wurden.


Permakultur ist nicht etwas, was Du machst. Du benutzt sie schlicht als Methode oder Werkzeug in dem, was Du tust. 


Ein mögliches Einsatzfeld für Permakultur-Gestaltung kann neben Landwirtschaft, Gartenbau oder Stadtplanung auch Unternehmensentwicklung oder Eventmanagement sein.

Lauritz Heinsch von Humus Festivals nutzt Permakultur-Gestaltung zum Beispiel für Veranstaltungen. Dazu wie er das macht, habe ich ihn übrigens vor kurzem interviewt.

So. Das war wichtig und das musste ich loswerden. Aber genug davon. Hier geht's schließlich darum, welche Grundsätze und Prinzipien Du nutzen kannst, um Deine Projekte zukunftsfähig zu gestalten.

Auf die zwölf Gestaltungsprinzipien von David Holmgren gehe ich hier nicht ein, darüber habe ich bereits in diesem Artikel ausführlich geschrieben.

Die für mich wichtigsten Gestaltungsprinzipien

Im PDC 2.0 hält sich Geoff Lawton sehr eng an das Designers Manual von Bill Mollison. Mollisons Prinzipien möchte ich hier nicht einzeln vorstellen, stattdessen habe ich mich auf das konzentriert, was ich aus dem zweiten Kursmodul (Concepts and Themes in Design) für wichtig halte.

Gestaltungsprinzipien vs. exakte Regeln

Wenn Du mit lebenden Systemen arbeitest, gibt es keine exakten Regeln. Deshalb gibt es auch keine exakten Regeln dafür, wie die Gestaltungs-Prinzipien von Mollison und Holmgren zu befolgen sind.

Sie sind vielmehr als Richtlinien zu verstehen.

Richtlinien, die Dir mit der Zeit eine andere Sicht auf Probleme geben.

Du wirst Landschaften, Grundstücke und Situationen aus einem anderen Blickwinkel betrachten und dadurch ganzheitliche, Kosten- und Ressourcensparende Lösungen entwickeln.

Das braucht Zeit und geht nicht von heute auf morgen.

1. Gib den Anspruch nach vollständiger Kontrolle auf (schaffe selbstregulierende Systeme)

Selbstregulierung heißt im Umkehrschluss, dass Du den Anspruch nach vollständiger Kontrolle aufgibst. Dafür sind natürliche Systeme eh zu komplex. Die Natur folgt keinen exakten Regeln.

Eine annähernd vollständige Kontrolle wie sie Landwirtschaft in großflächigen z.B. Mais- und anderen Getreidemonokulturen anstrebt, ist deshalb nur unter starker Vereinfachung und unter Einsatz enormer Mengen (fossiler) Energie möglich.

 

Foto: Meriç Tuna

Für exakte Regeln oder Gesetze sind natürliche Systeme zu komplex. Es gibt schlicht zu viele Variablen, die wir unmöglich alle kennen können.

Was in lebenden Systemen passiert, werden wir wohl nie exakt vorhersagen können.

Mach dazu mal ein Gedanken-Experiment: Stell Dir vor, Du hast ein Stück Holz und einen Nagel.

Wenn Du den Nagel mit einem Hammer mehrmals im rechten Winkel auf den Kopf schlägst, weißt Du sehr genau, was passieren wird.

Und jetzt hau dem Nachbarshund auf den Kopf ­– aber bitte nur gedanklich, egal wie sehr Dich das Gekläffe nervt –.

Der Hund wird sich entweder ducken, Dich beißen, weglaufen, jaulen oder weiß Gott was. Vielleicht fällt er ja sogar tot um? Er wird sich allerdings nicht mehrmals hinter einander genau gleich verhalten.

Wenn Du mit lebenden Elementen arbeitest, bekommst Du ständig neue Ergebnisse und Reaktionen. Die kannst Du nicht alle kontrollieren.

Gib diesen Anspruch auf, spar Dir den Stress und die Enttäuschungen und frage Dich stattdessen:

  • Was brauchen die für Dich wichtigen Pflanzen, Bäume oder Tiere, damit sie natürlich "funktionieren"?
  • Unter welchen Bedingungen kommen sie vielleicht sogar völlig ohne Deine Hilfe klar?

2. Verlier Deinen Kontext nicht aus den Augen!

Dummerweise ist der Großteil von uns ungeduldig. Ich gehöre voll dazu. Ich bin Ultra ungeduldig. Dinge habe ich meist lieber gestern als morgen erledigt.

Wenn Du bis hierhin gelesen hast, gehörst Du entweder nicht zu der ungeduldigen Sorte Mensch, oder mein Schreibstil gefällt Dir gut genug, um weiterzulesen – ich hoffe natürlich auf letzteres 😛 –.

Ungeduld führt meiner Meinung auch dazu, dass viele Menschen, die sich einige Zeit mit Permakultur beschäftigt haben, vermehrt in Lösungen anstatt in Prinzipien denken.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Flächenkompostierung (Sheet-Mulching), Geodomes, Schlüssellochbeete (Key Hole Beds), Kräuterspiralen, Hochbeete und Bewässerungsmulden (Swales) sind alles Lösungen, die immer wieder in einem Atemzug mit Permakultur genannt werden.

Das heißt aber nicht, dass sie in Deinem Garten und Deiner Situation zwingend Sinn machen.

Schlüssellochbeete z.B. sind hübsche, super Platz sparende Beet-Formen, die natürlichen Mustern nach empfunden sind. In kleinen Hausgärten oder dort wo wenig Platz ist, sind sie sinnvoll. Ab einer gewissen Größenordnung – in Erwerbsgärtnereien beispielsweise – sind sie hinderlich.

Wenn Du in konkreten Lösungen denkst, vernebelst Du Dir selbst die Sicht für das, was vor Ort Sinn macht und angemessen ist.

Nur weil Geoff Lawton in vielen Videos zeigt, wie wunderbar Du mit Bewässerungsmulden (Swales) entlang einer Höhenlinie perfekt bewässerte Waldgärten schaffen kannst, heißt das nicht, dass Du Deinen halben Garten zerfurchen musst, um einen Waldgarten anzulegen.

3. Zwinge keine Lösung auf, sondern komm an einer Lösung an

Nimm Dir etwas Zeit, trete einen Schritt zurück und frage Dich, was Du erreichen willst und welche Lösung in Deinem Kontext angemessen ist. Praktisch heißt das vor allem:

Pflanze das, was wächst. Nicht das, was Du unbedingt willst.

  • Was wächst an Deinem Standort unter Normalbedingungen?
  • Was gibt Dein Standort her? 

Die richtigen Bedingungen für Deine Wunsch-Pflanzen/Bäume/Tiere kannst Du entspannt über die Zeit schaffen.


Mein Kontext

Unser Kleingarten, den Moritz und ich gerade umgestalten, ist vor allem eine gestalterische Spielwiese. Er soll uns Platz zum Ausprobieren und experimentieren geben. Wir wollen verschiedene Techniken und Konzepte testen und das, was wir theoretisch gelernt haben, in der Praxis testen.

Auch wenn wir den Garten nicht sehr lange nutzen werden (irgend etwas zwischen ein und drei Jahren vielleicht), planen wir trotzdem langfristig für die Fläche. Die Hälfte der etwa 100 qm Beetfläche wollen wir für Gemüse und einjährige Pflanzen nutzen. Die andere Hälfte wird zu einer Waldgarten-Ecke mit vier verschiedenen Obstbäumen, acht bis zehn Beerensträuchern, Erdbeeren, eventuell ein oder zwei frostharten Kiwis, Wildblumen und mehrjährigen Kräutern.


4. Arbeite mit der Natur anstatt gegen sie

Die Natur verändert sich ständig, nichts bleibt wie es ist.

Zukunftsfähige Gestaltung folgt dem natürlichen Lauf der Dinge und plant ihn mit ein.

Wenn Du den natürlichen Lauf der Dinge unterstützt anstatt ihn zu behindern, hast Du außerdem weniger Arbeit und weniger Frust.

Das gilt nicht nur für Gärten und Landschaften. Auch in Städten gibt es gewisse "natürliche Prozesse". Graffiti-Kunst zum Beispiel.

Große, leere Wände laden gerade dazu ein, bemalt zu werden. Das kann man ignorieren und sich über die schnell hingeschmierten Tags der rivalisierenden Graffiti-Crews ärgern und sie immer wieder überstreichen. Oder man lädt an bestimmten Stellen bewusst lokale Graffitikünstler dazu ein, die Wände mit einem großen Kunstwerk zu verschönern.

5. Ertrag ist nicht gleich Ertrag

Foto: Tim Mossholder

Ein permakulturell gestaltetes System – egal ob Garten, Landschaft, Unternehmen oder Siedlung – wirft mehr als nur einen Ertrag ab.

Natürliche Systeme sind vielfältig und liefern immer mehr als nur einen Ertrag einer bestimmten, für uns nützlichen Pflanze.

Land- und Forstwirtschaft ist ein sehr beschränkter Ansatz, wenn es um Ertrag gilt. Meist ist der Ertrag einer einzigen Pflanzensorte das Ziel.

Diese Beschränkung ist anfällig für Krankheiten, Schädlinge und Totalzusammenbrüche.

Eine Fläche, die mehrere Erträge liefert, gibt Stabilität und Sicherheit.

Die wichtigsten Stichworte in diesem Zusammenhang sind Nischen, Multifunktionalität und Vernetzung.

Finde und fülle (leere) Nischen

Durch Beobachtungen wirst Du in Deinem Garten mit der Zeit (leere) räumliche und zeitliche Nischen finden.

In Gärten und Landschaften kannst Du z.B. mit natürlicher Sukzession arbeiten, um leere zeitliche Nischen zu besetzen.
Eine weit verbreitete Strategie für die Nutzung räumlicher Nischen ist die Anlegung von Mischkulturen.

Waldgärten sind in der Permakultur-Gestaltung das klassische Beispiel dafür, räumliche und zeitliche Nischen gleichzeitig zu füllen.

Viele Funktionen = viele verschiedene Erträge

Wenn Du Dir Gedanken über die verschiedenen Funktionen Deiner Gestaltungselemente (Pflanzen, Tiere, Gebäude, Konstruktionen) machst, findest Du automatisch unerwartete Erträge.

Überlege für jedes Element, das Dir besonders wichtig ist – sei es ein Obstbaum, ein Teich oder Hühner – was es braucht und welche In- und Outputs es hat.

  • Wie passen diese In- und Outputs mit den anderen Gestaltungselementen zusammen?
  • Welche können sich gegenseitig unterstützen?
  • Welche beeinflussen sich gar nicht und welche schaden sich gegenseitig?

6. Alles gärtnert

Verschiedenste Pflanzen und Tiere gärtnern auf ihre Art und Weise.

Sie bekämpfen (fressen) Schädlinge, sie belüften den Boden, sie düngen, sie stutzen, sie mähen.

Wenn Du beobachtest und herausfindest, welche Pflanzen und Tiere das tun, findest Du vielleicht Verbündete. Hier habe ich ein paar Beispiele aufgeschrieben:

  • Bodenbearbeitung:
    • Regenwürmer lockern und belüften den Boden. Das Gleiche erledigen einjährige Pflanzen mit viel Wurzelwerk wie z.B. Roggen. Wenn die Wurzeln verrotten, hinterlassen sie Luftkanäle.
    • (Wild-)Schweine durchpflügen den Boden auf der Suche nach Wurzeln. Während meiner WWOOFing-Aufenthalte in Spanien habe ich viel Zeit und Energie dafür aufgebracht, Brombeergestrüpp zu schneiden und die Wurzeln auszugraben. Oft habe ich mir gewünscht, den ätzenden Teil der Arbeit (die Wurzeln ausgraben) von Schweinen erledigen zu lassen. Falls Du oder Deine Nachbarn also ein paar Schweine haben und Du ein Brombeerdickicht hast, das Du loswerden willst, probier's mal aus und lass mich wissen wie es geklappt hat ;).
    • Hühner kratzen den Boden frei und scharren. Geoff Lawton benutzt Hühner unter anderem dazu abgeerntete Beete zu räumen.
  • Mähen, Baum- und Strauchschnitt
    • Weidetiere (Schafe, Pferde, Rinder, Kaninchen etc.) mähen und halten Gräser kurz.
    • Ziegen beschneiden Büsche und Bäume.
  • Schädlingsbekämpfung:
    • Hühner picken allerlei Käfer, Raupen, Larven und Maden. Viele Obstbaum-Schädlinge legen ihre Eier in die Früchte, die später auf den Boden fallen. Auf einer Obstwiese kannst Du Hühner z.B. dazu einsetzen, die Schädlingslarven aus den herunter gefallenen Früchten oder aus dem Boden zu picken. In diesem kurzen Vortrag über Agroforstsysteme berichtet Burkhard Kayser u.a. über Erfahrungen aus den 1930er Jahren im Haselnussanbau. Durch den Einsatz von Hühnern ging der Befall durch Haselnussbohrer erheblich zurück.
    • Wenn Du keine Laufenten halten kannst, gibt es natürlich noch Wildtiere wie Igel und Erdkröten, die Nacktschnecken und ihre Eier fressen.

Im nächsten Artikel erfährst Du, mit welchen konkreten Methoden Du die Gestaltungsprinzipien in die planerische Praxis umsetzt.

Cover Photo: Matías Guerrero Gatica

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