Wie startet man einen öffentlichen Food Forest?

Wenn Du mit dem Gedanken spielst, einen Gemeinschaftsgarten anzulegen, solltest Du ernsthaft über die Gestaltung als Waldgarten nachdenken. Im Gegensatz zu einem klassischen Gemeinschaftsgarten mit vielen einjährigen Gemüsesorten, hat das Waldgartendesign nämlich einen großen Vorteil: deutlich weniger Pflegebedarf. 

Während einer Europareise bin ich in Parma zufällig auf den Picasso Food Forest gestoßen. Der erste urbane, öffentliche Waldgarten in Italien. Und das nur weil meine Freundin und ich Bock auf Eis hatten. In der Eisdiele hing ein Plakat für die Parmaetica, ein Stadtfestival das einen nachhaltigen Lebensstil promoten soll. Dort haben wir dann Francesca vom Picasso Food Forest kennen gelernt. Als ich ihr von meiner Blog-Idee erzählte, bot sie uns direkt an, zwei Tage später mit ihr eine kleine Tour zu machen. Dieses Interview ist vor der Tour auf einer gemütlichen Holzbank unter einem Ahornbaum im Picasso Food Forest entstanden.


Exkurs: Was ist ein Waldgarten (Food Forest)

Ein Waldgarten ist die Nachahmung des stabilen, komplex vernetzten Ökosystems Wald. Ein natürlicher Wald der ohne menschliches Eingreifen über Jahrzehnte gewachsen ist, ist immens produktiv, voller Biodiversität und reguliert sich selbst. Die Vielzahl an verschiedenen Arten und Spezies stellt sicher, dass Schädlinge und Krankheiten nicht Überhand nehmen. Jedes Element (Bäume, Sträucher, Kräuter, Tiere, Bakterien, Pilze etc.) ist auf komplexe Art und Weise mit den anderen verbunden. Jedes Element erfüllt mehrere Funktionen auf einmal. Im Wald gibt es keinen Abfall, der Output des einen Elements ist der Input eines anderen und die genutzten Nährstoffe werden in Stoffkreisläufen ständig recycelt.

Der Unterschied zwischen einem Waldgarten und einem natürlichem Wald ist, dass wir bei der Planung eines Waldgartens gewisse Elemente des natürlichen Waldes bewusst durch Elemente ersetzen, die uns einen größeren Nutzen bringen (z.B. Nuss- und Obstbäume anstatt Birken und Buchen). Somit kann uns ein Waldgarten mit einer Fülle von essbaren Nüssen, Obst, Früchten, Beeren usw. versorgen und benötigt nach der Etablierung nur ein Minimum an Arbeit. Die Etablierung selbst ist natürlich viel Arbeit. Keine Frage.

Ähnlich wie ein natürlicher Wald, ist ein Waldgarten aus mehreren Schichten aufgebaut.

Schema der sieben Schichten eines Waldgartens. Quelle: permakulturraum.de.

Der Picasso Food Forest folgt auch dem sieben Schichten-Aufbau und ist jetzt knapp drei Jahre alt. Er liegt mitten in einer Mehrfamilienhaus-Siedlung. 10 Fahrradminuten vom Zentrum entfernt. Mittlerweile zählt der Waldgarten 143 Spezies, darunter 31 verschiedene Obstbäume, 11 Sträucher mit essbaren Beeren und 42 aromatische Kräutersorten auf knapp 4.500 m2.


Interview mit Francesca Riolo vom Picasso Food Forest (Parma, Italien)

Wie habt ihr angefangen? Gab es nervige bürokratische Hürden?

Nein, anfangs gab es keine bürokratischen Hürden. Wir haben einfach
eines Tages fünf Obstbäume gepflanzt. Etwas später sind wir zum Rathaus gegangen, haben den Leuten dort von den fünf Bäumen erzählt und ihnen unsere Pläne vorgestellt. Denen wäre es zwar lieber gewesen, wenn wir vor unserer Pflanz-Aktion mit dem Rathaus gesprochen hätten, aber die Idee gefiel Ihnen gut. Es stellte sich heraus, dass unser Food Forest sehr gut in ein kürzlich gestartetes Projekt passt. Dieses Projekt hat den Zweck öffentliche Grundstücke an Bürger zu geben, damit diese dort Lebensmittel anbauen. Das Food Forest-Konzept ist schließlich zu einer offiziellen Kategorie in diesem Projekt geworden. Teil des Projektes ist auch eine Art offene Karte, d.h. Bürger können Grundstücke für entsprechende Projekte nominieren. Ausgehend von unserer Initiative gibt es mittlerweile 13 Gemeinschaftsgärten in Parma. Darauf sind wir sehr stolz und arbeiten daran die Menschen für weitere Projekte zu begeistern. Der ganze Prozess hat allerdings ziemlich lange gedauert, knapp zweieinhalb Jahre. Ich glaube wenn wir den offiziellen, bürokratischen Weg gegangen werden ohne zuerst Fakten zu schaffen und die Bäume zu pflanzen, gäbe es den Picasso Food Forest nicht.

Warum habt ihr ausgerechnet dieses Grundstück ausgewählt, welche Kriterien sollte es erfüllen?

Der Hauptgrund war ganz einfach der, dass das Grundstück sehr nah an meiner Wohnung liegt [lacht]. Außerdem war es uns wichtig, dass es wenig Verschattung durch z.B. bereits existierende große Bäume oder Gebäude gab.

 

Das Grundstück. Die 4.500 qm groß wurden nach dem Prinzip der Zonierung in drei Zonen aufgeteilt. Zone 0 ist der soziale Mittelpunkt, dort wo sich Leute treffen. Es gibt Stühle, Bänke und Schatten (dort ist auch dieses Interview entstanden).
Zone 1 ist die am intensivsten genutzte Fläche. Hier ist Platz zum experimentieren mit einjährigen Pflanzen (Wurzelgemüse, Stärke- und Proteinreiche Pflanzen). Die Bodenfruchtbarkeit wurde durch Flächenkompostierung verbessert. Außerdem stehen hier Hoch- und Hügelkulturbeete. Zone 2 braucht kaum Aufmerksamkeit, dort stehen nur junge Obstbäume, Sträucher und Kräuter.

Was hättet ihr rückblickend anders gemacht, welche Fehler habt ihr gemacht?

Unser größtes Problem ist die Bewässerung. Der Klimawandel macht sich in dieser Region sehr bemerkbar. Vor 23 Jahren — als ich hier hin gezogen bin — hat es sehr regelmäßig geregnet. Es gab fast jeden Winter langandauernden Frost und der Boden fror sogar oft zu. Mittlerweile fällt die Temperatur im Winter selten unter 0ºC. Es regnet sehr unregelmäßig und extreme Wetterereignisse wie z.B. Überflutungen kommen häufiger vor als zuvor. Jetzt müssen wir uns ein geeignetes Tröpfchen-Bewässerungssystem überlegen. Hätten wir uns anfangs mehr auf passive Bewässerungsmethoden wie z.B. Swales (Bewässerungsmulden) und Hügelbeete konzentriert, wäre jetzt einiges einfacher. Mit den vielen bereits existierenden Bäumen, Büschen und Kräutern ist das Wassermanagement deutlich schwieriger.

Der Picasso Food Forest hat sich allein nach eineinhalb Jahren stark verändert. Ganz links siehst Du die acht Obstbäume mit denen das Projekt gestartet ist.

Wie organisiert ihr euch?

Wir treffen uns einmal pro Woche für „Wartungsarbeiten“ (Mulchpflanzen herunter schneiden etc.). Der „harte Kern“ also die Leute die immer dabei sind, umfasst jetzt zehn Leute. Zweimal im Jahr organisieren wir ein großes Treffen — einmal im Frühling und einmal am 23. Dezember zum Jahrestag unseres Waldgartens —. Über unsere Website, eine Facebookseite und einen Newsletter informieren wir über Neuigkeiten zum Projekt. In regelmäßigen Abständen bieten wir außerdem kostenlose Kurse zu Themen wie z.B. zur Obstbaumpflege oder zu essbaren Wildpflanzen an. Mittlerweile führen wir auch Projekte mit Schulen durch, in denen die Kinder eigene Gärten anlegen. Das ganze ist zwar viel Arbeit aber es bereitet uns und vielen anderen riesigen Spaß. Wir bringen Leute zusammen. Immer wieder treffen sich Menschen spontan in unserem Food Forest und setzen sich auf die Bänke unter einem der Ahornbäume und schnacken ein Weilchen. Der Food Forest ist zu einem Stück Gemeinschaft geworden.

 

Wenn ich ein ähnliches Projekt in meiner Stadt starten will, was wären deine wichtigsten Tipps für mich?

Das wichtigste ist denke ich, dass Du den Enthusiasmus nutzt. Begeistere mindestens eine weitere Person von Deiner Idee und fang einfach an. Was das Grundstück betrifft, sollte es möglichst nah zu bewohnten Gebäuden sein, das macht es einfacher die Nachbarn neugierig zu machen und sie für das Projekt zu gewinnen. Im Idealfall ist der Food Forest in wenigen Geh- oder Fahrradminuten von den Leuten entfernt, die sich anfangs intensiv darum kümmern. Bequemlichkeit ist der vielleicht wichtigste Faktor in der Anfangsphase.

Und nu? Könnte das Waldgarten-Konzept etwas für Deine Nachbarschaft sein?
Ja? Dann schau Dich nach einem geeigneten Grundstück in Deiner Nähe um, begeistere ein oder zwei Freunde von der Idee und fang einfach an!

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