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In dieser Rezension schreibe ich über das Buch „Terra Preta – die schwarze Revolution aus dem Regenwald – Mit Klimagärtnern die Welt retten und gesunde Lebensmittel produzieren“. Das Erscheinungsdatum liegt nun schon fast 10 Jahre zurück, das Buch wurde aber vor wenigen Jahren erweitert und neu aufgelegt. In gebe hier die Inhalte des Buchs zusammenfassend wieder und teile meine persönliche Einschätzung so transparent wie es mir nur möglich ist. Damit, so hoffe ich, kann jede für sich entscheiden wie geeignet und relevant das Buch für das jeweilige individuelle Interesse ist.

Inhaltsverzeichnis

Terra Preta – die Fakten

  • Autoren: Ute Scheub, Haiko Pieplow, Hans-Peter Schmidt
  • Seitenzahl: 224
  • Seitenmaß: 22,5 x 14,8 cm
  • Preis: 22€
  • Papier: Recyclingpapier
  • Herausgeber: Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis
  • Verlag: oekom
  • Sonstiges: „Sonderpreis der Jury“ beim Deutschen Gartenbuchpreis 2013
  • Wo erhältlich: per Direktorder beim Herausgeber und über den Buchhandel*

Über die Autoren

Mir war Ute Scheub bereits als Politologin und Autorin bekannt die es vermag, sehr komplizierte (und auch oft trockene) Sachverhalte zu vermitteln. Dank ihr weiß ich endlich wie die EU organisiert ist und was von der ursprünglichen Idee verblieben ist – ihr Buch „Europa – Die unvollendete Demokratie“ (2019) ist übrigens umsonst als eBook herunterladbar (nach kostenloser Registrierung):

https://www.buecher.de/shop/sachbuch/europa–die-unvollendete-demokratie-ebook-pdf/scheub-ute/products_products/detail/prod_id/60336373/

Mein Eindruck ist folgender: Anscheinend hat sie sich zusammen mit oder unterstützt von einer Stiftung daran gemacht, den Forschungsstand zweier ausgesprochener Experten und Pioniere auf dem Gebiet Terra Preta in eine übersichtliche und leicht verdauliche Form zu bringen, die gleichzeitig den politischen Aufruf zum Klimafarming und Bodenaufbau enthält.

Worum geht es in diesem Buch?

Laut dem Verlag soll das Buch das Potential aufzeigen, „zwei der größten Menschheitsprobleme lösen zu können – den Klimawandel und die Hungerkrise“. Das Buch sieht in Terra Preta eine kulturelle Errungenschaft und Technologie, mit Hilfe derer der Mensch seine wichtigsten Bedürfnisse stillen kann ohne dabei der Erde zu schaden.
Das Buch wird als „kundiger Führer“ zu den Grundprinzipien von Klimafarming und Kreislaufwirtschaft beschrieben. In der Tat liefert das Buch eine gute Überschau der vielen wissenschaftlichen Ansätze und Erkenntnisse die sich mit dem Phänomen Terra Preta beschäftigen. Gleichzeitig beschreibt das Buch damit auf übergeordneter Ebene die Zusammenhänge und Wirkungsweise der globalen Stoff- und Energiekreisläufe und zeichnet damit ein eindrucksvolles Bild der Komplexität natürlicher Systeme.

Terra Preta – Der Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert, zuerst wird in knapper aber ausreichender Form das Grundlagenwissen vermittelt, das dann im weitaus längeren Handbuch-Teil in der Anwendung beschrieben wird. Das Anwendungswissen wird durch das ganze Buch mit vielen Praxisbeispielen aus aller Welt in kurzen Exkursen illustriert.

Die Themen des Buchs in der Übersicht:

  • TEIL I: Grundlagen
    • Irrtümer der fossilen Landwirtschaft
    • Kulturen brauchen fruchtbaren Boden – Das Geheimnis des schwarzen Goldes

Der Grundlagen-Teil untersucht zuerst, warum unsere heutigen Formen der Landnutzung den biogeochemischen Kreisläufen schaden und somit die für uns essentielle (und unverzichtbare!) Ressource Boden so sehr schädigen, dass das Problem für uns als Spezies auf diesem Planeten eine (mittlerweile äußerst dringende) existenzielle Frage geworden ist.

Danach wird Terra Preta als kulturelle Errungenschaft des Menschen beschrieben, gemäß natürlicher Kreisläufe zu wirtschaften. Über Tausende Jahre der Beobachtung und Lernen vom Vorbild der Natur haben wir Menschen uns ein systemisches Verständnis erarbeitet – das kurzum die im Zuge der Industrialisierung binnen zweier Jahrhunderte nahezu ganz verdrängt und vergessen wurde. Und dabei liegt in diesem tradierten Wissen das Potential unsere dringendsten Probleme zumindest zu entschärfen. Wenn wir dieses Wissen und die damit verbundenen Technologien konsequent und global einsetzen würden um damit Bodenaufbau und schadlose Landnutzung zu betreiben dann könnten wir sie gar lösen, das legen die Autoren eindrucksvoll dar.

Landnutzung mit der Hilfe von Terra Preta bedeutet CO2-Sequestrierung, Ernährungssouveränität, und Sicherung der Biodiversität zugleich.

  • TEIL II: Handbuch
    • Klimagärtnern: Grundprinzipien und Grundstoffe

Der restliche Großteil des Buches gibt einen Überblick, in welchen Bereichen die Technologie Terra Preta angewandt werden kann – und vor allem wo sie es bereits wird und mit welchen erstaunlichen Ergebnissen wie die Beispiel-Exkurse sehr anschaulich zeigen.

In diesem Kapitel erklären die Autoren vor dem Hintergrund des Kohlenstoffkreislaufs was sie unter Klimafarming verstehen, nämlich Methoden der Landnutzung die Humusaufbau und Bodenpflege zum Ziel haben.

  • Herstellungsmethoden von Terra Preta

Im nächsten logischen Schritt wird beschrieben, durch welche physikalischen Prozesse Pflanzenkohle (biochar) gewonnen werden kann. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um eine Beschreibung der Prinzipien und der Möglichkeiten wie man dabei vorgehen kann. Mehr ist in einem Buch dieser Länge sicher nicht möglich.

  • Biologische und gärtnerische Vielfalt

Im folgenden Kapitel dreht sich alles um die Anwendung von Pflanzenkohle im Gartenbau, vor allem zum Zweck der Nahrungserzeugung. Dabei werden die Stoffkreisläufe betont, hier vor allem die der Ernährung von Menschen und in welchen Formen sie zum Anbau von Nahrung genutzt werden können. Die Rolle von Schwarzerde vor allem in urbanen Formen des Gärtnerns ist in diesem Kapitel zentral.

  • Alte und neue Sanitärsysteme

Im letzten Kapitel werden die Stoffkreisläufe geschlossen: Hier wird deutlich dass es in natürlichen Systemen keinen Abfall gibt und dass die Kompostierung und Fermentierung von menschlichen Ausscheidungen eine wunderbare Möglichkeit der Aufladung und Aktivierung der Pflanzenkohle ist, bevor sie im Boden eingesetzt werden kann.

  • Links und Lieferadressen
  • Weiterführende Literatur

Nachdem im Ausblick noch einmal die politische Botschaft eindrücklich zusammengefasst wurde folgen die Quellen und Verweise.
Die Bezugsquellen und Weblinks erscheinen mir fürs Erste ausreichend, wenn auch ein wenig dünn. Eine Seite weiterführende Literatur zu solch einer Fülle an Themengebieten scheint mir definitiv zu wenig. Ich kenne die erste Ausgabe nicht, insofern kann ich schwer beurteilen was hinzugekommen ist, aber ich habe einige Bücher vermisst die ich für unverzichtbar halte. Ein guter Ausgangspunkt ist es dennoch allemal.

Schreibstil und Gestaltung

Ute Scheub versteht es wunderbar, klare und aussagekräftige Sätze zu verfassen und verwendet dabei eine einfach verständliche und persönliche Sprache. Will man die Komplexität der Natur beschreiben dann fällt es (jedenfalls mir) oft schwer, nicht in abstrakte und allzu sachlich-präzise Sprache zu verfallen – insofern habe ich größten Respekt für ihr Talent zur klaren Sprache.

Mir persönlich sagt die bei oekom übliche aufgeräumte und saubere Gestaltung sehr zu: Ein klares Layout definiert die Abschnitte und erleichtert die Orientierung, die Praxis-Beispiele sind deutlich als Exkurse erkennbar.

Abbildungen und Illustrationen

Das verwendete Bildmaterial ist ausreichend und ausgewogen, es dient vor allem zur Untermalung und Illustration der jeweiligen Themen. Das Buch ist kein Fachbuch im Sinne des praktischen Anwenders, Tabellen und Daten findet die Leserin hier nicht. An manchen Stellen hätte mir persönlich eine visuellere Darstellung genützt – z.B. wird der Aufbau von Pyrolysebrennern über mehrere Seiten in Schrift beschrieben, mir hätte hier eine schematische Zeichnung weitaus mehr Information übermittelt.

Qualität und Druck

Papierqualität und Fertigung des Buchs entsprechen der bei oekom üblichen Qualität. Als Plus verzeichne ich die Selbstverpflichtung des Verlags zum „Nachhaltigen Publizieren“, mehr Information dazu auf der Homepage:

https://www.oekom.de/verlag/natuerlich-oekom/klimaschonende-produktion/c-115

Meine persönliche Leseerfahrung

Zuerst ein paar Worte zu dem Wissenshintergrund mit dem ich das Buch gelesen habe: Als ich das Buch das erste Mal aufgeschlagen habe war ich bereits relativ gut über den Themenkomplex informiert: Ich habe die Ethiken und Prinzipien der Permakultur verinnerlicht, habe mich bereits mit manchen Aspekten der Thematik sehr eingehend befasst, mit vielen anderen aber auch nur oberflächlich.
Als Bastler habe ich mir eigene TLUDs (Pyrolyse-Brenner) gebaut und bauen lassen und wandle verschiedene ungenutzte Ressourcen (andere nennen es Abfälle) aus Garten und Handwerk in Pflanzenkohle um, die ich in der Kompost-Toilette und in Kompostierungs-Experimenten auflade. Ich habe das Buch in der Hoffnung gelesen, das für mich in verschiedenen Wolken „herumwabernde“ Wissen in eine sinnvoll verknüpfte Ordnung organisiert zu bekommen, die mir zur besseren Vermittlung des Wissens in Kursen dient. Das wurde mir insofern und soweit erfüllt, dass ich einen besseren Überblick über die verknüpften Themenfelder bekommen habe und das Wissen in eine logische Abfolge aufreihen kann. Darüber hinaus habe ich interessante und anschauliche Fakten und Zahlen gewonnen die für Kursteilnehmerinnen zur Veranschaulichung dienen und überzeugende Argumente liefern die man sich in mancher Diskussion herbeiwünscht.

Arbeiten mit dem Buch

In diesem Buch verbinden sich viele Wissensfelder, entsprechend kann es nur als Ausgangspunkt dienen und zur Orientierung verhelfen, wie man dem Wissensdurst und den eigenen Interessen gezielt und methodisch folgen kann.
Wenn ich ein Buch lese um damit Wissen zu erlangen dann dreht es sich bei mir vor allem um die „Hantierbarkeit“ bei der Recherche: Wie gut findet man sich im Buch zurecht? Wie schnell findet man bei der Suche Stellen im Buch wieder? Bietet sich das Layout an eigene Notizen unterzubringen? Wie viel Zeit und Mühe sind in einen brauchbaren Index und die Verschlagwortung geflossen?
Zu diesen Aspekten kann ich zusammenfassend sagen dass das Buch gut gelungen ist.

Mein Fazit

Für mich schnürt dieses Buch das Themenfeld zu einem gut verständlichen und verdaulichen Paket zusammen: Es stellt die naturwissenschaftliche Seite in direkten Zusammenhang mit unserer menschlichen Ordnung (Politik & Gesellschaft), die unsere Art und Weise der Ressourcennutzung bestimmt (Landwirtschaft und Ökonomie zum Ziele der Ernährung).

Dabei schafft es das Buch, die Ökologie in Handlungsmöglichkeiten zu übersetzen die konkret umsetzbar sind (als Individuum/Gärtnerin) oder wären (bei gegebenem gesellschaftlichen und politischem Willen). Grundsätzlich ist man ja als Leserin von Büchern aus diesem Themenfeld ja immer irgendwie überzeugt dass es richtig ist „earth care“ zu betreiben – dieses Buch liefert klipp und klar die Argumente in einer Form, die im Ganzen ein absolut überzeugendes Plädoyer für Humusaufbau und alle Formen von Klimafarming ergibt.

Der zweite Untertitel, „Mit Klimagärtnern die Welt retten und gesunde Lebensmittel anbauen“, hört sich aufs Erste ein wenig großspurig an, nach der Lektüre weiß die Leserin jedoch: Rein rechnerisch stimmt das absolut, das wird überzeugend dargelegt. Das größte Hindernis ist das Schaffen eines allgemeinen Bewusstseins, das dann irgendwann die Praxis und Politik verändert, und dafür ist das Buch allemal geeignet.

Ich halte es deswegen für ein fantastisches Buch zum Verschenken an Leute, die sich Themen um die Nachhaltigkeit annähern wollen (oder sollen) und für einen guten Ausgangspunkt für Interessierte, die sich auf eine Lernreise begeben wollen.

Das Buch liefert einen Überblick über die konkrete Anwendung, kann aber selbstverständlich in dieser Länge nicht ins Detail gehen und liefert daher keine ausführlichen Rezepte oder konkrete Anleitungen. Wer sich einen Pyrolyse-Ofen bauen möchte, biochar gewinnen und diese in der Erdenherstellung oder im Nahrungsanbau einsetzen möchte, nachdem sie im Kompost-WC oder in der Kompostierung aufgeladen wurde, wird in diesem Buch nur oberflächlich fündig. Mit „fundierte Gebrauchsanweisung“ ist das Buch demnach vom Verlag ein wenig irreführend beschrieben.

Es handelt sich also im Ganzen nicht um ein Handbuch für Terra Preta im Sinne von konkrete Anwendung, sondern vielmehr um eine Art „Sprungbrett“, von dem aus die Leserin selbstständig in die vielen Wissensfelder vordringen kann die sich in dieser Sammlung von Fakten und Anwendungsbeispielen überlappen.

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Jörn Müller

Jörn Müller ist durch seinen Drang zur Nachhaltigkeit über die Jahre vom Kulturwissenschaftler über den Baumpfleger und den Gartenbauer zur Permakultur gekommen. Heute wendet er als Waldgärtner deren Prinzipien auf das Design, die Planung und Umsetzung von Ökosystemen für den menschlichen – und vor allem enkeltauglichen - Nutzen an. Besonders prägend war für ihn der Forest Garden Design Course bei Martin Crawford im südenglischen Dartington, einem der ältesten Waldgartensysteme im gemäßigten Klima. Zuletzt übersetzte er dessen Waldgarten-Handbuch Creating A Forest Garden (erscheint im Juni 2021 bei OLV). Er experimentiert seit 2017 im Grünheck, einer Fläche im nordbadischen Dossenheim mit Waldgartenprinzipien und Pflanzengemeinschaften, Techniken für geschlossene Ressourcenkreisläufe wie Kompostierung, Mulchwirtschaft und Pflanzenkohle, und vermehrt für Waldgärten besonders geeignete Nutzpflanzen.

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