Humus Festival 2017: Permakultur, Food-Sharing und Wildnispädagogik

Anfang Juni entsteht in einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern ein kleines Festival, das Permakultur, Food-Sharing und Wildnispädagogik vernetzt. Das Besondere am Humus Festival: das Festivalgelände soll nicht nur genutzt, sondern von den Teilnehmern verbessert werden. Über dieses ambitionierte Ziel und darüber, wie sich ein Orga-Team selbst abschafft, habe ich mich mit dem Organisator Lauritz Heinsch unterhalten.

Acht Tage im Juni (04. bis 11. Juni) in einer ehemaligen Kieskuhle mit zwei Badeseen im nicht einmal 500-Seelen Dort Alt-Tellin.

Genauer gesagt sind es sogar 14 Tage, denn vom 01.-04. findet das Seed-Camp, mit Aufbau der Infrastruktur, Komposttoiletten und schwimmender Sauna und vom 11.-14. findet das Crop-Camp mit Abbau und Ausklang statt.

100 Teilnehmende aus dem Permakultur-, Food Sharing– und Wildnispädagogik-Netzwerk.

Über 100 kg Hu(m)mus und eine Festivalorganisation die sich selbst abschaffen will, um selbst mehr Zeit zum Feiern zu haben.

Und alles ohne Strom. Das sind die Eckdaten des Humus Festivals.

Interview mit Lauritz Heinsch
(Organisator des Humus Festivals)

Lauritz Heinsch ist Schreiner, Student der Permakultur Akademie, Wildnispädagoge und Botschafter für Foodsharing.


“ Dabei habe ich festgestellt, dass diese Themen so dermaßen dicht bei einander liegen und doch noch nicht viele Berührungspunkte vorzuweisen haben.
Äußerst schade, denn die Verbindung dieser Bereiche macht, für mich zumindest, die Permakultur-Ethik „Earthcare, Peoplecare & Fairshare“ direkt erleb- und erspielbar.“


Das Interview mit Lauritz hat mich echt inspiriert.

Er scheint jede Herausforderung durch die Brille der Permakultur-Gestaltungsprinzipien zu betrachten.

In Gesprächen mit unterschiedlichen Leuten höre ich immer wieder, dass die meisten Menschen glauben, Permakultur sei eine besondere Art zu gärtnern oder Landwirtschaft zu betreiben.

Dabei ist Permakultur schlicht und einfach ein Gestaltungswerkzeug, das Dir dabei hilft, Probleme ganzheitlich zu betrachten und zu lösen. Das macht es aber leider auch so unkonkret und schwer greifbar. Meine Erfahrung ist, dass es sich am besten über Beispiele verstehen lässt.

Lauritzs Herangehensweise an die Organisation des Humus Festivals halte ich für ein super Beispiel dafür, wie sich Permakultur-Gestaltung auf Veranstaltungen und soziale Prozesse anwenden lässt.

Bist Du neugierig? Lost geht’s 🙂 !

Lauritz, für wen ist das Humus Festival gedacht?

Das Festival ist zwar mittlerweile ausgebucht, aber ein Tag ist offen für alle. Dafür haben wir den Tag der offenen Türen am 09. Juni. Hauptsächlich wollen wir aber die Leute vernetzen, die sich im Permakultur-Netzwerk, dem Food Sharing, der Wildnispädagogik oder anderen ähnlichen Initiativen engagieren.

Warum gerade Broock, wie seid Ihr auf den Ort gekommen?

Während eines Vertiefungskurses mit Jonas Gampe kam uns die Idee, ein Permakultur-Festival zu organisieren. Mathias, Lisa und ich verfolgten die Idee weiter. Daraus entwickelte sich eine Permakultur-Planungsgruppe, jedoch mit anderem Schwerpunkt.

Auf dem ursprünglich geplanten Gelände klappte es leider nicht. Die Festivalidee ließ mich nicht los und der Zufall spielte mir eine Mail von Friedrich vom Freiland e.V. zu, in der er schrieb, dass der Freiland-Verein ein Gelände hat, welches er gern für ein Permakultur-Festival zur Verfügung stellen würde.

Auf einer Soli-Party in Berlin für den Freiland e.V. haben wir angefangen zu brainstormen und herum zu spinnen. Das Orga-Team bestand praktisch bereits also dachten wir uns: wenn wir zusammen feiern können, können wir auch ein Festival zusammen organisieren.

Vom Freiland e.V. kam dann schließlich der Wunsch, ein Festival in Broock zu veranstalten. Das Orga-Team bestand praktisch bereits, also dachten wir uns: wenn wir zusammen feiern können, können wir auch ein Festival zusammen organisieren.

Was wollt ihr mit dem Festival erreichen? Was motiviert Dich und Euch?

Aus Sicht der Permakultur, haben zukunftsfähige Projekte eines gemeinsam: sie vereinen die drei ethischen Grundsätze earth care, people care und fair share. Diese werden oft als die drei Ethiken beschrieben.

Der Schwerpunkt der Permakultur-Bewegung ist meist earth care. Die anderen beiden Ethiken finden sich schwerpunktartig in der Wildnispädagogik (people care) und dem Food Sharing (fair share) wieder.

Ich dachte mir, dass es doch super geil wäre, wenn sich alle drei Bereiche mal am Lagerfeuer zusammen finden.

Auf dem Humus Festival wollen wir genau das erreichen. Eine Vernetzung von Permakultur, Wildnispädagogik und Food Sharing. Die drei Bewegungen ergänzen sich super in ihrer Ethik, Prinzipien und Herangehensweise.

An was denkst Du da konkret?

In der Permakultur beginnt jeder Prozess zuerst mit der Beobachtung. Dann erst folgen alle weiteren Schritte. Die Wildnispädagogik beobachtet fast ausschließlich und bewegt sich außerdem nur in Zone 5. Die Prinzipien „beobachte und interagiere“ und „nutze und schätze Randzonen“, sind in der Wildnispädagogik also viel stärker ausgeprägt.

Drei Permakultur-Prinzipien, die sich im Food Sharing wiederfinden, sind z.B. „produziere keinen Abfall“, „nutze und speichere Energie“ und „schaffe selbstregulierende Systeme, die sich selbst abschaffen können“. Das Ziel des Food Sharings ist es ja, kein Essen mehr wegzuwerfen. Damit fällt dann auch das Food Sharing weg. Wenn das Ziel erreicht ist, hat sich das Food Sharing also selbst abgeschafft.

Durch die unterschiedlich stark ausgeprägten Schwerpunkte können die drei Bewegungen viel voneinander lernen. Die Vernetzung ist für mich ein logischer Schritt. Sozusagen die nächste Sukzessionsstufe. Ich glaube, dass sie zusammen viel bewegen können. Das ist ein riesiges Potenzial für Kreativität.


„Für mich starten Projekte, noch vor der Beobachtung, mit der gemeinsamen Feier“


Unsere Vision ist es, mit all diesen tollen Menschen am Lagerfeuer zu sitzen und ein „Pflege-Festival“ zu schaffen, das dem Gelände und uns etwas nachhaltiges Gutes tut.

Auf der Info-Seite schreibt Ihr von einer freien Orgastruktur. Was bedeutet das und wie gut funktioniert diese selbstorganisierte Struktur für Euch?

Das Konzept habe ich für das letzte Sommertreffen der Permakultur-Akademie entwickelt und dort getestet. Damals bestand die Kernorga aus drei Leuten. Für das Humus Festival sind wir knapp zehn. 2 BotschafterInnen für jede Crew, wobei insgesamt ca. 50 Leute an den Vorbereitungen beteiligt sind.

Unsere Idee war es, die Grenze zwischen Kursleitern und Teilnehmenden aufzulösen. Wir wollten den Teilnehmenden die Angst nehmen, sich einzubringen.


„Auf einem Festival, das ich selbst veranstalte und in das ich im Vorhinein so viel Energie rein stecke, möchte ich nicht noch auf dem Festival selbst arbeiten“


Durch geschickte Organisation wollten wir die Rolle der zentralen Orga abschaffen und den Organisatoren mehr Zeit zum Feiern ermöglichen.

Hat das geklappt?

Ja, echt gut. Obwohl unser Orga-Konzept recht komplex war – und ich war praktisch der einzige, der wusste, wie es genau funktionierte – konnte ich mich nach drei Tagen aus der Orga zurückziehen. Meine Rolle war später nur noch unterstützend.

Für die Größenordnung von etwa 40 bis 50 Teilnehmenden war das Konzept perfekt. Auf dem Humus Festival haben wir jetzt 100 Teilnehmende. In der Kernorga des Humus Festivals kümmert sich deshalb die Programm-Crew und der Wildnis-Kreis darum, das Konzept auf die doppelte Teilnehmerzahl anzupassen.

Wie funktioniert dieses Selbstorganisationskonzept? Wie habt Ihr Euch selbst abgeschafft?

Anstatt einer großen Vorstellungsrunde haben wir zuerst kleine Untergruppen von acht Teilnehmenden gebildet, die wir „Banden“ genannt haben. Jede Bande hat sich dann einen Platz auf dem Gelände gesucht, auf dem sich die Bandenmitglieder einrichten und kennenlernen konnten.

Nachdem sich alle parallel, innerhalb der Banden vorgestellt haben, finden sich alle Teilnehmenden im sog. „Kompass“ wieder zusammen. Die Anzahl der Bandenmitglieder (acht) passt absichtlich mit den vier Himmelsrichtungen eines Kompasses zusammen: Innerhalb der Banden ordnen sich immer zwei Leute einer Himmelsrichtung zu (pro Bande zwei Nord-,Süd-,Ost- und West-Leute).

Die Himmelsrichtungen im Kompass stehen stellvertretend für verschiedene Aufgaben. Die Aufgaben sind wiederum den drei Säulen der Permakultur-Ethik (earth care, people care, fair share) und einer Säule aus der Wildnispädagogik (aware) zugeordnet.

Jede Himmelsrichtung hat damit spezielle Aufgaben, die den vier verschiedene Aufgabenbereichen (earth care, people care, fair share, aware) zugeordnet sind.

Wie sehen die Aufgaben aus?

Die Gruppe „Osten“ hat im Bereich fair share z.B. die Aufgabe neue Leute aufzunehmen und herumzuführen. Im Bereich earth care holt der Osten die Küchenabfälle ab und bringt sie zum Kompost. Bei people care hat der Osten die Aufgabe zu Liedern oder zum Musik spielen zu animieren. Der Bereich aware lenkt das Augenmerk der Gruppe auf Vögel und potenzielle Gefahren (Brombeeren, Pilze o.Ä.).

Jeden Tag gibt es eine Banden-Zeit und eine Kompass-Zeit zu der sich alle Banden bzw. Himmelsrichtungen treffen.

Außerhalb der Banden-und Kompass-Zeiten hatten wir jeden Tag eine Morgen- und eine Mittagsrunde in denen wir den Tag besprochen haben. Die Runden wurden wiederum von den Himmelsrichtungen moderiert. Dazu gab es immer Moderatoren und Lehrlinge. Zuerst moderierten die Moderatoren und am nächsten Tag die Lehrlinge. So konnte jeder mal moderieren. Die Moderation der Morgen- und Mittagsrunden rotierte dabei von Ost nach Nord.

Die Morgenrunde lief z.B. so ab: der Osten begrüßt alle und organisiert die Vorstellung der neu dazu gekommenen Leute. Danach stellt der Süden die Diensteliste vor und fragt Verbesserungen ab. Der Westen erstellt anschließend die Workshop-Tagesliste. Zum Abschluss moderiert der Norden eine spielerische, aktivierende Aktion mit der alle gemeinsam in den Tag starten.

Außerhalb dieser ganzen Struktur haben wir uns aber auch bewusst einen Tag ohne Programm gesetzt. Ich habe mich da z.B. einfach ein paar Stunden entspannt in die Sonne gelegt.

Was braucht es noch? Wo braucht Ihr noch helfende Hände und Köpfe für die Vorbereitung?

Wir suchen Teichexperten oder Aquakultur-Berater. Das Hauptproblem der Fläche ist die Eutrophierung (Überdüngung) der beiden Badeseen durch die umliegende Landwirtschaft. Das Problem möchten wir gerne angehen. Außerdem brauchen wir noch Hilfe für die Orga-Crews, besonders IT-Menschen für die Website und Doku, den Kinderspace und die Cook-Crew.

Fotomaterial © Martin Friedrich.

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