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Renaturierungsökologie_Virsoleil
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Neben der Permakultur gibt es noch den Zweig der Renaturierung. Dieser fokussiert sich weniger auf menschliche Nutzung und mehr auf die Restauration von Ökosystemen. Zusammen mit dem Permakultur Designer Lukas Jednicki konnte ich ein Projekt besuchen und dokumentieren.

In diesem Beitrag möchte ich dir vermitteln, welche Methoden hier in Virsoleil eingesetzt werden und was sie bisher gebracht haben. Der Beitrag hat nicht den Anspruch die Renaturierung umfassend oder wissenschaftlich darzustellen. Denn die Renaturierung ist dafür ein zu komplexes Thema.

Was ist Renaturierung?

Renaturierung hat das Ziel, durch Menschen geschädigte Ökosysteme in einen besseren Zustand zu versetzen. Das Ziel wird mit unterschiedlichen Maßnahmen verfolgt. Diese teile ich an dieser Stelle zur Vereinfachung in zwei Bereiche ein.

  1. Restauration
  2. Rehabilitation

Bei der Restauration werden Ökosysteme wieder in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt.

Rehabilitation bedeutet, dass einzelne Biotopqualitäten wiederhergestellt werden, sollte eine vollständige Restauration nicht möglich sein.

Renaturierung – die Problematik vor Ort

Die wissenschaftlichen Begriffe jetzt mal beiseite. Wie sieht das ganze hier in Frankreich konkret aus? Die Ausgangssitation ist folgende: Die Topografie des 1,7 Hektar großen Hofs ist von einem Gefälle geprägt. Das Gefälle sorgt dafür, dass Humus und Wasser in ein angrenzendes Tal gespült werden. Leider gehört das Tal nicht mit zum Grundstück, sodass die Besitzer des Hofs nicht von der Fruchtbarkeit profitieren.

In diesem Bild siehst du die Grundstücksline anhand des Drainagegrabens. Das Gefälle leitet das ganze Wasser und die Nährstoffe in ein fruchtbares grünes Tal im linken Teil des Bildes. Bild: Lukas Jednicki

Durch die jahrzehntelange Erosion und Schafhaltung ist der Boden ausgetrocknet und nährstoffarm. Deshalb erinnert die Flora schon fast an eine Magerwiese und es finden sich viele Schmetterlinge, Wildbienen und Schwebfliegen. Diese wertvollen Bestäuber sollen natürlich auch bei einer Renaturierung erhalten werden.

Ein großes Anliegen ist es, die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens wiederherzustellen. Denn Wasser ist die Grundlage für eine erfolgreiche Renaturierung und Vermeidung von weiterer Erosion. Auf dieser Basis können dann wieder Bäume angepflanzt werden, die die Erosion noch mehr verringern und dadurch einen Bodenaufbau ermöglichen. Aus meiner Sicht geht es bei dem Projekt hier also um eine Rehabilitation, da vor allem der Boden verbessert werden soll.

Renaturierung vs. Permakultur – Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Boden aufbauen, das kennen wir aber schon seit langem aus der Permakultur? Wo liegen die Unterschiede zwischen den Konzepten? Bill Mollison hat in seinem Handbuch der Permakultur Gestaltung eine interessante Unterscheidung getroffen:

– Entschlossene Wiederherstellung eines stabilen Zustandes für zerstörte und beschädigte natürliche Ökosysteme.
– Einrichtung von Pflanzengesellschaften für unseren eigenen Gebrauch, wobei wir so wenig Landfläche wie möglich für unsere Lebensweise verwenden […]

Bill Mollison. Handbuch der Permakultur Gestaltung, S. 21 (5. deutsche Auflage vom Januar 2021)

Bill Mollison schreibt an dieser Stelle über die Ziele, die wir als nachhaltige Menschen heutzutage verfolgen sollten. Der erste Punkt bezieht sich aus meiner Sicht genau auf die Renaturierung um die es hier geht. Der zweite Punkt bezieht sich auf die Permakultur. Es geht für ihn also bei dieser Unterscheidung um den primären Zweck einer landschaftlichen Veränderung oder Nutzung. Im ersten Fall steht die Wiederherstellung im Vordergrund, im zweiten Fall der eigene, menschliche Gebrauch. Grundsätzlich sind Renaturierung und Permakultur also vom Zweck her unterschiedliche Ansätze.

Der eine oder die andere denkt sich jetzt vielleicht: Die Permakultur ist doch integrativ? Stimmt!

Eine integrative Perspektive aus der Permakultur ist die Zonierung. Die Zone 5 ist ja eine Wildniszone, in der wir keine Erträge mehr für den eigenen Bedarf erzielen und die Natur sich selbst überlassen. Auf den Hängen von Virsoleil ist dieses sich selbst überlassen aber eher zerstörerisch denn hilfreich. Der Boden würde über die nächsten Jahrzehnte einfach weiter erodieren bis er zur Steppe wird. Von daher ergibt es Sinn, zuerst die Ursachen für die Erosion zu beheben. Erst dann können wir die Zone 5 wirklich mit positiven Auswirkungen auf das ganze Grundstück sich selbst überlassen.

Renaturierung durch Bodenaufbau – konkrete Maßnahmen

Die Ursachen für die ständige Erosion liegen in der falschen Beweidung der Fläche und im Gefälle des Geländes. Die falsche Beweidung wurde schon eingestellt, sodass aus dieser Richtung keine weiterer Verschlechterung der Lage mehr zu erwarten ist. Jetzt muss nurnoch das Gefälle so korrigiert werden, sodass kein weiterer Abfluss von Organischer Masse und Nährstoffen mehr stattfindet.

Was können wir also hier vor Ort tun, um weitere Erosion durch das Gefälle zu verhindern?

Die Antwort: Erdarbeiten. Die Ursache der Erosion liegt im Gefälle des Geländes, was bedeutet dass Erdarbeiten dem Entgegenwirken können. Mögliche Landschaftsanpassungen sind:

Hier vor Ort haben sich die Besitzer bisher für einen Drainagegraben entschieden, der direkt am Grundstücksende angelegt wurde. Dieser sammelt das aus dem Gelände kommende Wasser und leitet es in einen Teich am tiefsten Punkt im Gelände. Das ist durchaus ein guter erster Schritt, da auf diese Weise keine weiteren Nährstoffe mehr aus dem Gelände abgeleitet werden. Die Erosion ist damit allerdings noch nicht behoben.

Der Drainagegraben. Das abfließende Wasser wird aufgehalten und zusammen mit den Nährstoffen in einen Teich geleitet. Bild: René Franz

Empfehlungen zur Vermeidung von weiterer Bodenerosion

Deshalb würde ich empfehlen, weitere Gräben oder Swales im Gelände umzusetzen und mit Bäumen zu bepflanzen. Diese profitieren vom Wasser und den Nährstoffen und haben damit im erodierten Boden ausreichende Startbedingungen. Sobald sich die Bäume etabliert haben, reichert sich der Boden nach und nach wieder mit organischem Material an und unterstützt Unterpflanzungen mit essbaren Kräutern und Sträuchern.

Eine weitere Möglichkeit ist das Bepflanzungsmuster in Netz und Becken. Dieses Bepflanzungsmuster für Bäume hat Bill Mollison speziell für trockene und steinige Flächen entwickelt. Bei dieser Methode werden Bäume in dafür vorgesehene und miteinander vernetzte Becken gepflanzt. Auf diese Weise kann das Wasser und Nährstoffe in den Becken versickern. Wenn die Becken überlaufen wird eine darunterliegende Reihe von Becken bewässert und gedüngt.

Spannungsfeld Mensch und Natur in Virsoleil

Hier in Virsoleil leben natürlich auch Menschen. Überall wo Menschen leben, gibt es auch Bedürfnisse, die befriedigt werden wollen und Virsoleil ist da keine Ausnahme. Der Ort hier ist aus meiner Sicht aber ein Beispiel, wie wir wieder Brücken zwischen Mensch und Natur bauen können.

Der Großteil der Fläche hier soll zu einer Wildniszone werden, ein anderer Teil soll aber auch zur Selbstversorgung und für ökonomische Erträge erschlossen werden. Neben dem typischen Selbstversorgungsgarten gibt es hier ein frisch angelegtes Feld mit Eichenbäumen. Diese Eichenbäume wurden von einem Trüffelexperten beimpft und die Bäume mit Draht gegen Wildverbiss geschützt. Je nach Trüffel können auf lokalen Märkten Preise zwischen 30 Cent und 1,80€ pro Gramm erzielt werden. Ein Trüffelfeld kann also durchaus einen Beitrag zu einem finanziellen Auskommen leisten.

Das Trüffelfeld von oben. BIld: René Franz

Zusätzlich möchten die Besitzer die 500 Jahre alte Scheune zu einem Kultur- und Bildungszentrum ausbauen. Auf meiner Fahrt von Paris nach Brive habe ich viele verfallene Scheunen gesehen und in Anbetracht der einmal investierten Energie ist das nicht wirklich nachhaltig. Deshalb finde ich die Idee sehr gut, der alten Scheune wieder neues Leben einzuhauchen. Außerdem wird das Projekt dadurch auch in der Region bekannter und verbreitet Permakultur und Renaturierung in der Nachbar*innenschaft. Natürlich kann auch die Kultur- und Bildungsscheune Teil des finanziellen Ertrags hier sein.

Fazit

Für mich persönlich ist die Erfahrung hier auf dem Hof sehr lehrreich. Bisher hatte ich noch nicht die Gelegenheit, auf einem so vielfältigen Hof zu sein und zu beobachten. Vor allem das Landschaften lesen und verstehen der Auswirkungen der Topographie auf das Ökosystem hat mir sehr viel Freude bereitet. Das Ganze inspiriert mich gerade dazu, mich mehr mit Erdarbeiten zu beschäftigen, weil sie viele Möglichkeiten bietet, die Situation in vielen Landschaften ursächlich zu verbessern.

Interessant ist natürlich auch der Austausch mit den französischen Praktiker*innen hier vor Ort. Wir haben verschiedenste Projekte besucht, alle mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Mir hat das gezeigt, dass es auch in Frankreich eine wachsende Szene von regenerativen gibt, egal ob Syntropische Landwirtschaft, Honigherstellung mit Wildbienen oder Wasserstofftechnologie in Bürger*innenhand.

Wir bedanken uns für die Förderung durch den deutsch-französischen Bürgerfonds!

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Titelbild: René Franz

Rene Franz

Seit 2016 beschäftige ich mich fast täglich mit der Permakultur. Für mich ist sie einer der ganzheitlichsten Gestaltungsansätze unserer Zeit. Deshalb schreibe ich hier über viele Lösungen mit denen uns die Permakultur dabei helfen kann, den Wandel zu gestalten. Derzeit befinde ich mich in der Weiterbildung zum Dipl. Permakultur-Gestalter an der Permakultur Akademie.

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